Das Frühlingsfest (Ostara) und die Frühlings-Tagundnachtgleiche
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Wenn wir den Lauf der Sonne über das Jahr beobachten, erkennen wir, wie sie ihre Auf- und Untergangspunkte am Horizont laufend verändert. Zur Frühlings-Tagundnachtgleiche (wie auch zur herbstlichen) halten sich Tag und Nacht die Waage. Die Sonne geht exakt im Osten auf und ebenso exakt im Westen unter.
Das Sonnenrad gibt den Tag- und Nachtrhythmus vor, aber auch den Rhythmus des Jahres, den es an den Horizont zeichnet. Es erzählt uns vom ewigen Kreislauf des Lebens und den kosmischen Abläufen. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen, Werden und Vergehen, ein Ausdehnen und Zusammenziehen – das Wunder des Lebens. Alles Leben auf der Erde reagiert auf die Sonne sowie den Mond und zeigt sich in den spürbaren Kräften der Natur, die das Dasein in seiner ganzen Vielfalt gestalten. Es ist ein ständiger Wandel, in den auch wir Menschen eingebunden sind; denn wir sind Natur, wir sind Teil der Erde. Es ist das Rad des Lebens, das alles trägt. Es dreht sich unaufhörlich durch die sich ergänzenden Pole: vom hellen Tag in die dunkle Nacht, vom kargen Winter in den Sommer der Fülle und vom Leben in den Tod – und immer wieder zurück.
Die acht Wendepunkte im Jahr

Jede Jahreszeit hat einen Anfang und einen Höhepunkt. Etwa alle sechs Wochen ändert Mutter Erde ihr Gesicht. So erkannten die frühen Menschen acht große Übergänge im Jahr, die sich am Sonnenlauf orientierten. Daraus entstanden die acht großen Jahreskreisfeste, an denen matriarchale Kulturen der Steinzeit die Mysterien des Lebens feierten:
Das Lichtfest (Anfang Februar)
Das Frühlingsfest zur Tagundnachtgleiche (März)
Das Maifest (Anfang Mai)
Das Sommerfest zur Sommersonnenwende (Juni)
Das Schnitterinnenfest (August)
Das Herbstfest zur Tagundnachtgleiche (September)
Das Fest der Ahninnen und Ahnen (Anfang November)
Das Winterfest zur Wintersonnenwende (Dezember)
Spätere patriarchale Kulturen übernahmen diese Feste bestenfalls und passten sie ihren Mythologien an; im schlechtesten Fall wurden sie unter Strafe verboten, vereinnahmt oder in ihrem Sinn verdreht.
Erwachen und Wachstum

Das Frühlingsfest im März ist das zweite große Fest im Jahreslauf und markiert den Frühlingsbeginn. Ab jetzt beginnt die helle Zeit des Jahres, die zur Sommersonnenwende ihren Höhepunkt erreicht. Mit dem Frühling beginnt eine neue Wachstumsphase. Was bisher in der Tiefe der Erde ruhte, steigt nun in all seinen Formen wieder auf. Es ist ein Fest der großen Freude über die Wiederkehr des Lebens.
Die Sonne hat seit Anfang Februar an Kraft gewonnen und die Schneedecke schmelzen lassen. Auf den Wiesen zeigt sich das erste zarte Grün. Krokusse, Primeln sowie die gelben Blüten der Kornelkirschen und Haselsträucher bringen Farbtupfer in die noch graubraune Landschaft. Tiere erwachen aus ihrem Winterschlaf und erstes Liebeswerben ist zu vernehmen. Da dieses junge Leben jedoch noch durch frostige Nächte bedroht ist, wird ihm mit dem Fest symbolisch Energie geschenkt, damit es sicher wachsen kann.
Mythologie: Die Weiße Göttin

Mythologisch zählt das Frühlingsfest, wie auch das Lichtfest im Februar, zu den Festen der Weißen Göttin. Erschien sie im Februar noch als Lichtbringerin, so tritt sie jetzt als Jägerin auf. Die silbrige Mondsichel ist ihr Bogen, mit dem sie ihre Pfeile in Form wilder Frühlingsstürme vom Himmel schießt. Sie fegt alles Alte und Morsche hinweg, um Platz für das Neue zu schaffen. Mit wildem Brausen weckt sie alles Schlafende auf und fordert uns auf, hinauszugehen. Nicht mehr zurückschauen ist angesagt – das durften wir im Winter –, sondern inspiriert nach vorne zu blicken und der Intuition zu folgen.
In Artemis (Griechen) und Diana (Römer) erkennen wir diesen Aspekt noch heute. Sie tragen die zunehmende Mondsichel als Symbol und spannen weiße Hirschkühe vor ihren Wagen. Neben der Jägerin ist sie auch die Wiederbringerin der Vegetation. Davon erzählen Mythen wie jener der griechischen Kore, die jeden Herbst in die Unterwelt hinabsteigt, um im Frühling in einem ewigen Zyklus zurückzukehren.
Von Ostara zu Ostern
Das heutige Wort „Ostern“ leitet sich von der Frühlingsgöttin Eostre (altenglisch) oder Ostara (althochdeutsch) ab. In ihrem Namen steckt das alte Wort für Frühling (eastre). Auch die Verbindung zur Himmelsrichtung Osten (East) ist erkennbar. Bei den Griechen war Eos die Göttin der Morgenröte, bei den Römern Aurora.
So wurzelt das christliche Osterfest in einer vorchristlichen Tradition. Inhaltlich wird im Christentum jedoch das Pascha-Fest (die Auferstehung Christi) gefeiert. Da das Fest der Ostara im Volk jedoch so tief verwurzelt war, konnten die Missionare den Namen „Pascha“ im deutschsprachigen und englischen Raum nicht durchsetzen. Sie füllten und verdrehten den alten Namen stattdessen mit einer neuen Bedeutung. In romanischen Ländern hingegen blieb der Bezug zum Pascha-Fest erhalten (italienisch Buona Pasqua, französisch Joyeuses Pâques).
Osterbräuche

Viele heutige Bräuche verweisen direkt auf die alte Göttin: Sie dienen dazu, den Winter endgültig auszutreiben und die Erde aufzuwecken. Das Ei nimmt dabei eine zentrale Rolle ein; es steht für Fruchtbarkeit und die im Keim verborgene Lebenskraft. Die Kirche versuchte zunächst, den Brauch der Ostereier zu verbieten, führte jedoch nach mäßigem Erfolg schließlich die Eierweihe ein. Auch der Osterhase (oder die Häsin) ist ein Symbol der Fruchtbarkeit, da die Häsin für ihren zahlreichen Nachwuchs bekannt ist.





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