Der Herbst
Ernten - Annehmen - Verschmerzen

Mit der Herbsttagundnachtgleiche begehen wir eine der großen Schwellen im Jahreskreis. Tag und Nacht befinden sich für einen kurzen Moment im Gleichgewicht. Danach werden die Nächte länger als die Tage – wir überschreiten die Schwelle in die dunkle Hälfte des Jahres, die bis zur Frühlingstagundnachtgleiche dauern wird.
Herbst
Mit der Tagundnachtgleiche beginnt der Herbst. Das mittelhochdeutsche Wort „herbest" steht in enger sprachlicher Verwandtschaft mit dem englischen „harvest" – Ernte. Schon im Namen des Herbstes klingt also eine seiner wesentlichen Qualitäten an: Es ist die Zeit des Einbringens und Erntens.
Das Obst ist reif und wird zu Saft, Wein, Marmelade oder Kompott verarbeitet. Der Mais steht erntereif auf den Feldern. Vogelbeeren und Hagebutten leuchten rot und orange zwischen dem langsam verblassenden Grün.
Die Natur beginnt sich zurückzuziehen
Die Nächte werden merklich kühler. Am Morgen liegt Tau über den Feldern, und manchmal hüllt bereits der erste Nebel Wälder und Wiesen in seinen Schleier. Noch besitzt die Sonne Kraft genug, Nebel und Morgentau rasch aufzulösen. Auf einen kühlen Morgen kann ein beinahe sommerlich warmer Mittag folgen.
Der Himmel ist klar. Das Licht wird weicher und goldener.
Gleichzeitig verändert sich die Natur. Ein Rückzug ist bemerkbar. Die Lebenskraft nimmt merklich ab. Viele Pflanzen welken und sinken zu Boden. Die ersten Blätter verfärben sich, und in das verblassende Grün mischen sich Gelb, Orange und Rottöne. Gerade im Augenblick des Vergehens und Absterbens erstrahlt bald die ganze Landschaft noch einmal in den leuchtenden Farben des Lebens, als ob sie uns sagen möchte, dass der Tod nicht das Ende, sondern Wandlung bedeutet.

Die Bäume ziehen ihre Säfte zurück und bereiten sich auf die Winterruhe vor. Auch in der Tierwelt ist diese Bewegung wahrnehmbar. Viele Insekten und Weichtiere sterben während der ersten frostigen Nächte, andere wiederum beginnen sich einzugraben oder suchen sich eine Höhle, um den nahenden Winter zu überleben.
Alles kehrt zu seinem Ursprung zurück – hinein in die dunkle Erde, den Schoß von Mutter Erde.
Die Zeit der schwarzen Göttin
Es ist die Zeit der schwarzen Göttin, jener Schicksalsgöttin, die den Tod bringt und alles, was vergeht, zu sich in die Tiefe holt, in ihr Reich – die Unter- oder Anderswelt. Sie löst auf und wandelt.
So wie das Leben nicht ewig ist, ist auch der Tod nicht ewig. Das zyklische, polare, allverbundene Weltbild lehrt uns, dass alles Leben irgendwann unweigerlich endet, aber aus dem Tod ebenso unweigerlich neues Leben hervorgeht. Leben und Tod sind die zwei untrennbaren Seiten des Seins. Das Rad dreht sich unweigerlich vom Leben in den Tod und wieder ins Leben. So ist der Tod nie ein Ende, er ist ein Entschwinden, um dem Neuen Raum zu geben.
Auch in uns beginnt der Herbst
Das Vergehen des Sommers ist nicht nur in der Landschaft sichtbar. Wir können es auch in uns selbst wahrnehmen.
Vielleicht entsteht Wehmut angesichts der schwindenden Fülle und Lebendigkeit des Sommers. Vielleicht empfinden wir Dankbarkeit für all das, was uns dieses Jahr bereits geschenkt hat. Und vielleicht spüren wir zugleich eine leise Beklemmung angesichts der nahenden dunklen und kalten Zeit.
Diese unterschiedlichen Empfindungen dürfen nebeneinander bestehen. Wenn wir ihnen Raum geben und ihnen nachspüren, entdecken wir darin eine Einladung uns auf die dunkle Zeit des Jahres vorzubereiten.
Die Herbstgleiche als Schwelle
Die Herbsttagundnachtgleiche ist – gemeinsam mit der Wintersonnenwende, der Frühlingstagundnachtgleiche und der Sommersonnenwende – eine der vier großen Schwellen im Jahreslauf.
Schwellenzeiten laden uns ein, unseren gewohnten Gang zu verlangsamen. Vielleicht sogar stehen zu bleiben. An einer Schwelle gilt das Alte nicht mehr, während das Neue noch nicht sichtbar geworden ist. Wir befinden uns für einen Moment dazwischen. Und genau dieses Dazwischen schenkt uns die Möglichkeit, uns umzudrehen und zurückzublicken.
Was war in diesem Jahr?
Was ist gewachsen?
Was ist reif geworden?
Und was ist vielleicht anders gekommen, als wir es erhofft hatten?
Ernten, Annehmen und Verschmerzen
Der Herbst lädt uns ein, unsere persönliche Ernte einzubringen. Wir dürfen uns fragen:
Welche Saat ist aufgegangen?
Was ist gewachsen und gereift?
Was durfte ich ernten?
Was ist nicht aufgegangen?
Was blieb unvollendet?
Es ist eine Zeit des Dankes und der Würdigung. Wir dürfen feiern, was gelungen ist. Wir dürfen anerkennen, was durch uns in die Welt gekommen ist. Vielleicht waren es große Schritte, vielleicht ganz unscheinbare Veränderungen, Begegnungen, Entscheidungen oder Erkenntnisse.
Doch zur Ernte gehört noch etwas anderes. Wir dürfen auch auf das schauen, was nicht gelungen ist.
Nicht jede Saat geht auf.
Nicht jedes Vorhaben trägt Früchte.
Nicht alles, was wir uns vorgenommen, erhofft oder gewünscht haben, gelingt.
Die Herbstschwelle lädt uns dazu ein, auch darauf zu schauen – ohne vorschnelle Bewertung. Denn weder ist alles, was gelungen ist, automatisch „gut", noch ist alles, was nicht gelungen ist, deshalb „schlecht". Und schon gar nicht bedeutet ein Misslingen, dass wir selbst versagt hätten.
Manchmal haben wir etwas zu wenig beachtet.
Manchmal haben wir uns zu viel vorgenommen.
Manchmal fehlte die Kraft.
Und manchmal war schlicht die Zeit noch nicht reif.
Die Schwelle schenkt uns die Möglichkeit, ehrlich und offen hinzuschauen. Nicht um zu urteilen. Sondern um anzunehmen. Und vielleicht ist gerade das eine wesentliche Qualität dieser Jahreszeit: Anzunehmen und zu verschmerzen, was nicht geworden ist.
Verschmerzen bedeutet nicht, etwas kleinzureden oder so zu tun, als wäre es bedeutungslos. Es bedeutet, anzuerkennen, dass etwas anders gekommen ist, als wir es uns gewünscht haben.
Die Rückschau – samt dem Einbringen der Ernte, dem Annehmen und dem Verschmerzen des vermeintlich Misslungenen – gleicht einem Loslassen. Wir übergeben es der schwarzen Göttin. Was wir nicht länger festhalten, darf sich wandeln. Halten wir fest, verschließen wir uns für das Neue.
Leise werden und Hinhören
Mit dem Dank, der Würdigung, dem ehrlichen Hinschauen und dem Loslassen haben wir uns vorbereitet auf den Schritt über die Schwelle der Herbstgleiche hinein in die dunkle Zeit des Jahres.
Während der Sommer mit seinem Licht, seiner Wärme, seinen Farben und seiner Fülle unsere Aufmerksamkeit stark nach außen gelenkt hat, beginnt nun eine andere Bewegung. Die äußeren Reize nehmen ab. Die Tage werden kürzer. Die Natur wird stiller. So dürfen auch wir langsamer und leiser werden. Unsere Aufmerksamkeit kann sich wieder stärker nach innen wenden. Wir dürfen hinhören und hineinhören in den großen Potentialraum, den Ahnenraum, um zu erahnen, was für uns dran ist.
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Leitung: Stephan Leiter (Geomant und Inhaber von Raum und Mensch – Schule für Geomantie und Radiästhesie).
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