Das Fest der Schnitterin - Lugnasad/Lammas
- 28. Juli
- 6 Min. Lesezeit
Das Schnitterinfest liegt in einer besonderen Zeit des Jahres. Noch herrscht die größte Hitze des Sommers, die Felder stehen reif und golden im Land, und die Gärten zeigen sich in ihrer farbenprächtigen Fülle. Doch zugleich werden die Tage bereits merklich kürzer. Die Schatten wachsen, die Abende beginnen früher, und inmitten des Hochsommers kündigt sich leise die dunkle Zeit des Jahres an.
Das Fest erzählt vom Reifen und Ernten, vom notwendigen Schnitt und von der Wandlung der roten in die schwarze Energie des Jahres.
Juli und August sind die Monate der Reife, Fülle und Überfülle. Auf die Blüte folgen nun die Früchte: Marillen, Pfirsiche, Zwetschken, Äpfel, Birnen, Heidelbeeren, Himbeeren und Johannisbeeren laden zur Ernte ein.
In den Getreidefeldern stehen die Ähren dicht an dicht. Die Abendsonne lässt sie golden leuchten, während ein warmer Sommerwind sanft darüberstreicht. Die trockenen Halme reiben sich aneinander und erzeugen ein leises, rhythmisches Knistern. Ein Anblick, der den jungsteinzeitlichen Menschen große Freude und tiefe Dankbarkeit gespendet haben muss. Für sie war der Ackerbau lebenswichtig.

Die Landwirtschaft entstand im sogenannten „Fruchtbaren Halbmond“ – ein sichelförmiges Gebiet, das sich vom Sinai über die Mittelmeerküste, die südöstliche Türkei und Mesopotamien bis zum Persischen Golf erstreckt. Hier nahm vor etwa 12.000 Jahren die neolithische Revolution ihren Anfang – die Geburtsstunde des Ackerbaus, wie wir ihn heute kennen.
Mit der Wiederbesiedelung des Alpenraums nach der letzten Eiszeit brachten diese frühen Menschen nicht nur das Wissen um den Getreideanbau mit, sondern auch ihre spirituellen Vorstellungen. Im Mittelpunkt stand eine große Erdgöttin, die alles Leben – Pflanzen, Tiere und Menschen – aus ihrem Leib hervorbrachte und ihre Kinder mit den Gaben der Natur nährte. Mutter Erde war die große Ernährerin, die Schöpferin und Schenkerin allen Lebens.
Daher war die Ernte für diese Menschen keine bloß praktische, profane Tätigkeit, sondern gleichzeitig eine sakrale Handlung, ein heiliger Akt: ein Fest der Dankbarkeit für die Gaben der Großen Göttin, die ihnen mit ihrem Füllhorn Reichtum und Nahrung spendete.
Der Umschwung im Jahreskreis
Im Juni und Juli zog die Sonne noch in hohen Bögen über den Himmel. Nun verliert ihr Lauf allmählich an Höhe. Obwohl die Sonne mit großer Kraft auf die Erde herniederbrennt, werden die Nächte länger. Trockenheit und Hitze liegen über dem Land, dazwischen entladen sich Gewitter mit Blitz, Donner und heftigem Regen.
Diese Zeit trägt eine spürbare Spannung in sich. Das Wachstum und die ungehinderte Entfaltung der Natur kommen an ihr Ende. Manche Sommerblumen öffnen erst jetzt ihre farbigen Blüten, während andere bereits welken und verdorren. Die Pflanzen ziehen ihre Kräfte nach innen und lassen Samen, Früchte und Getreide reifen.
Eine erste Todesenergie erfasst die Natur. Noch ist der Sommer da, doch sein Höhepunkt ist überschritten. Die rote, nach außen strömende Kraft des Lebens beginnt sich in die schwarze, nach innen führende Kraft der Wandlung zu verwandeln.
Das Fest der Schnitterinnen
Das Schnitterinfest ist der Ernte des Getreides und den Menschen gewidmet, die diese Ernte einbringen. Der Name erinnert besonders an die Schnitterinnen und an jene Frauen, die nach matriarchaler Überlieferung als Erste den Feldbau entwickelten, Getreide kultivierten und die Kornmutter verehrten.
Schon seit der Jungsteinzeit waren es die Frauen, die das Getreide kultivierten. Die Kornmutter schenkte ihnen dieses Wissen. Die Ähren galten als Kornkinder, die rund um heilige Hügel auf den Feldern standen – Hügel, die den schwangeren Leib der Erdgöttin symbolisierten. Mit dem ersten Schnitt begann ihre Geburt – und zugleich ihr Tod.
Die Kornernte war eine heilige Zeit, jeder Schnitt mit der Handsichel ein sakraler Akt. Die Sichel war nicht nur Werkzeug, sondern ein Symbol des abnehmenden Mondes, der das übermächtige Sonnenlicht begrenzt. Sie brachte den Kornkindern den Tod – aber auch die Verwandlung, die das Leben im Winter sicherte. Das Brot, das aus dem geernteten Korn gebacken wurde, galt als magisches Geschenk: Aus Tod wurde Leben. Diese Verwandlung war ein weibliches Mysterium, Ausdruck des zyklischen Weltbildes der vorchristlichen Kulturen.
Mit der Ernte wird sichtbar, was aus der gemeinsamen Arbeit von Mensch und Erde hervorgegangen ist. Das Korn wird geschnitten, gesammelt, gedroschen, gemahlen und schließlich zu Brot verarbeitet. In jedem Brotlaib verbinden sich die Fruchtbarkeit der Erde, das Licht der Sonne und die Arbeit der Menschen.
Lammas und Lughnasadh
Im angelsächsischen Raum wurde das Fest als Lammas bekannt – vom Altenglischen „Loaf-Mass“, also „Laibmesse“, die Feier des ersten Brotlaibes aus der frischen Ernte, der im Rahmen des Festes miteinander geteilt wurde.

Das Schnitterinfest war eines der acht großen Jahreskreisfeste der frühen Ackerbaukulturen und wurde später von den Kelten übernommen. Deshalb kennen wir es heute unter dem Namen Lughnasadh (gesprochen: Lunasa), benannt nach dem keltischen Sonnenhelden Lug. Es war ein Mondfest, das um den Augustvollmond gefeiert wurde – auch Erntemond oder Getreidemond genannt.
Lug verkörpert das feurige und heiße Sonnenlicht. Seine „Hoch-Zeit“ bezeichnet nun jedoch nicht mehr die harmonische Verbindung von Himmel und Erde, wie sie zur Sommersonnwende gefeiert wurde. Sie zeigt vielmehr die Sonne auf dem Höhepunkt ihrer glühenden Kraft.
Diese Sonnenkraft kann lebensspendend sein, doch im Übermaß droht sie die Erde auszutrocknen und die Ernte zu versengen. Deshalb muss das überschießende Sonnenfeuer begrenzt werden. Diese Aufgabe übernimmt symbolisch und auch mythologisch die Schnitterin-Göttin. Mit ihrer Sichel vollzieht sie den notwendigen Schnitt und beendet die ungebremste Entfaltung des Sommers..
Im Jahresrad steht Lughnasadh zwischen Sommersonnenwende (Litha) und Herbst-Tagundnachtgleiche (Mabon).

In der christlichen Tradition lebt die Figur der Schnitterin in der Heiligen Notburga weiter. Ihr Symbol ist ebenfalls die Sichel.
Der Legende nach widersetzte sie sich im 13. Jahrhundert der Arbeit nach dem Feierabendläuten – und warf die Sichel in den Himmel, wo sie sich an einem Sonnenstrahl verfing.
Dieses „Sichelwunder“ erinnert an die mythische Begrenzung der Sonnenkraft durch den abnehmenden Mond.
In einer Abbildung der Notburga in der Pfarrkirche von Rattenberg erkennen wir sie dargestellt in den Farben der Göttin (Weiß, Rot und Schwarz).
In ihrer rechten Hand trägt sie die Sichel in Form des abnehmenden Mondes und die geschnittenen Ähren, mit ihrer linken Hand schenkt sie einem armen Mann Brot.
Der Schnitt, Kornpuppen und alte Bräuche
Die Jahreskreisfeste richteten sich nach dem Rhythmus der Natur. Die große Schnitterin, Priesterin und Stellvertreterin der großen Göttin, bestimmte den Zeitpunkt der Ernte. Diese Zeit war eine Phase der Freude, des Dankes, der Wandlung und des Abschieds. Denn jede Ernte, jedes Abschneiden, schafft Raum für Neues – in der Natur wie im eigenen Leben.
Gefeiert wurde nicht nur an einem Tag, sondern über mehrere Tage/Wochen hinweg. Erst mit der Einführung des Kalenders wurde das Schnitterinfest auf den 1. August festgelegt.

Bei der Getreideernte wurden die geschnittenen Halme zu Garben gebunden, die man wieder zu mehreren auf dem Feld zum Trocknen zusammenstellte. Dabei entstanden menschenähnlichen Figuren, die Kornpuppen oder Kornmandelen. Nach dem Binden der letzten Garbe, wurde diese - als Verkörperung der großen Göttin selbst - in die Mitte des abgeernteten Feldes gestellt. Jetzt war die Ernte abgeschlossen und die Handsicheln konnten in diese letzte Garbe gehängt, also der Göttin zum Dank rituell geopfert werden.
In Tirol wurden die Kornpuppen auf den Feldern „Kornmatze“ genannt. „Matz“ entwickelte sich aus dem hebräischen „Matzah“, was für das heilige, ungesäuerte Brot steht. In diesem Begriff erkennen wir noch die uralte Bedeutung und den Zeitpunkt dieses Festes. Es begann, als aus dem ersten Mehl der frischen Kornernte der erste Brotlaib aus dem Ofen, der symbolisch für den Bauch der Mutter Erde steht, geholt wurde.
In manchen Gegenden im Alpenraum war jene Person, die die letzte Garbe schnitt, auch gleichzeitig der Korngeist und bekam für die Zeit bis zum nächsten Erntefest den Namen der letzten Garbe, wurde also ab jetzt „der Alte“, „die Kornmutter“ usw. genannt, wurde in Stroh gehüllt oder musste eine Strohpuppe anfertigen, die in einem feierlichen Umzug zum Hof geführt und dort gegen die vorjährige ausgetauscht, die im Anschluss feierlich verbrannt wurde. Den Schnitterinnen und Schnittern wurde dann ein festliches Mahl bereitet.
„Du hast den Alten und musst ihn behalten“. Mit diesen Worten bespricht die erste Schnitterin die letzte Garbe, auf dass der Korngeist in diese Garbe hineinschlüpfen möge und dem Haus, in das sie gebracht wird, zukünftigen Ernteseegen bringen möge
Anderswo wiederum wurde die letzte Garbe für die „armen Seelen“ stehen gelassen. In den verchristlichten „armen Seelen“ erkennen wir die verstorbenen Ahnenseelen, die Familiengeister, die auch nach dem Tod Teil der Sippengemeinschaft blieben. So konnten die Ahnengeister an dem Erntefest teilhaben.
Die goldenen Getreidefelder können wir noch heute sehen, die Arbeit der Schnitterin bzw. der Schnitter wurde längst durch riesige Erntemaschinen ersetzt. So verschwanden auch die Kornpuppen und die Kornmandelen und mit ihnen die Volksbräuche, die noch an die vorchristlichen Ernterituale erinnerten.
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Leitung: Stephan Leiter (Geomant und Inhaber von Raum und Mensch – Schule für Geomantie und Radiästhesie).
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