Das Fest der Ahninnen und Ahnen - Wie unsere vorchristlichen Vorfahren Samhain, Halloween und Allerheiligen feierten
Allerheiligen und Allerseelen im Verständnis der Kirche
Im Sinne der katholischen Kirche wird Allerheiligen am 1. November gefeiert, übrigens erst seit dem Jahr 835. Zuvor war der erste Sonntag nach Pfingsten der Sonntag aller Heiligen. An Allerheiligen ehrt die Kirche alle ihre Heiligen, die bekannten ebenso wie die unbekannten. Gefeiert werden ihre Vollendung in Gott und die bleibende Verbundenheit mit ihnen über den Tod hinaus.
Allerseelen begeht die Kirche am 2. November. Auch dieses Fest wurde erst im 9. Jahrhundert eingeführt. Eigentlich steht schon der Nachmittag des 1. November mit den Friedhofsbesuchen im Zeichen von Allerseelen. Der Tag ist dem Gedenken an die Verstorbenen gewidmet. Gebete, Friedhofsbesuche und geschmückte Gräber sollen Liebe, Dankbarkeit und die Hoffnung auf ewiges Leben ausdrücken. Die Gläubigen vertrauen ihre Verstorbenen der Barmherzigkeit Gottes an und bitten um deren Läuterung und Vollendung.
Wie feierten unsere Vorfahren diese Zeit?
Wie haben unsere europäischen indigenen Vorfahren vor der christlichen Missionierung diese Zeit im Jahreslauf gefeiert?
Im angelsächsischen Raum wird das Fest Halloween genannt. Der Name leitet sich von „All Hallows’ Eve“ ab und bedeutet „Der Abend der Seelen“.
Entgegen der kirchlichen Vorstellung von einem ewigen Leben im Haus Gottes hatten unsere Vorfahren ein zyklisches, polares Weltbild, das aus der Beobachtung der Natur entstanden war. Sie erlebten sich als eingebunden in die Natur und als Teil von ihr. Im Jahreslauf feierten die Menschen des alten Europas acht Jahreskreisfeste. Diese waren den großen Geheimnissen des Lebens und den kosmischen Abläufen gewidmet, die sich im Wandel der Natur zeigen. Vier Feste wurden zu den Höhepunkten der Jahreszeiten gefeiert und vier an den Übergängen von einer Jahreszeit zur nächsten.
Die Zeit des Übergangs

Die Zeit um den 1. November liegt zwischen Herbst und Winter, genauer zwischen der Herbst-Tagundnachtgleiche und der Wintersonnenwende. Sie gehört zu den vier Übergangsfesten. Im Jahreslauf sind wir im Hochherbst angelangt, und in der Natur hat die Zeit des Sterbens ihren Höhepunkt erreicht. Die letzten Blätter fallen von den Bäumen und vermodern auf der Erde. Die Früchte sind bereits geerntet, und Nebel zieht übers Land und nimmt die Sicht.
Die schwarze Göttin und das Jenseitsparadies
In der mythologischen Bildsprache dieser Übergangszeit entfaltet die schwarze Göttin als Tödin und Herrin der Unterwelt ihre größte Macht. Sie holt das Absterbende zurück in ihren Schoß, in die Unterwelt, den Bauch der Erde. Die Unterwelt erscheint dabei als Jenseitsparadies der Fülle und Überfülle. In der keltischen und germanischen Mythologie ist das Jenseits ein helles, heiles und heiliges Reich namens Hel, benannt nach der Göttin Holle. Erst die Christianisierung machte daraus die Hölle, einen Ort für die Bösen und „Ungläubigen“.
Das Jenseitsreich war auch ein geheimnisvoller Ort. Dort hütet die Holle, oder die Percht, oder wie die vielen Göttinnen der Anderswelt auch heißen mögen, mit ihrem Kessel die großen Mysterien von Wandlung und Erneuerung.
Sterben und Werden
Zugleich erscheint die Erde als schwanger. In ihrer dunklen Tiefe ruhen bereits die Samen und Lebenskeime, aus denen neues Leben hervorgehen kann, das im Frühling wieder ans Licht drängen wird. So begegnen sich in ihr Sterben und Werden.
Viele Mythen erzählen, dass die Seelen an Teichen und Seen wohnen. Deshalb bringt auch der Storch die Kinder: Als Helfer der Holle hieß er althochdeutsch Adebar („Segensbringer“), denn der Segen lag in den neuen Seelen, die den Fortbestand der Sippe sicherten. Das Christentum kehrte das „Seelenbringen“ um, um den Glauben an die Wiedergeburt zu unterbinden: Aus der Seelenbringerin wurde die „böse Percht“, die Kinder abholt. Später verdrängte der Nikolaus die Percht. Er trägt dieselben Farben und bringt dieselben Gaben (Äpfel, Nüsse, Lebkuchen), die einst sie aus ihren jenseitigen Welten mitbrachte. Auch das Schwärzen junger Frauen mit Ruß, etwa in Küssnacht, gilt als archaisches Motiv, denn erst die Berührung mit der Asche der Ahninnen ermöglicht Wiedergeburt.
Totenzüge und die Wilde Jagd
Mitteleuropäische Bräuche und Mythen rund um den 1. November erzählen von Totenzügen und von der Wilden Jagd, die von Frau Holle oder der Percht angeführt wird. Anfang November sammelt sie alle Wesen um sich, die im Laufe des Jahres gestorben sind, und geleitet die Verstorbenen in einem langen Zug über das Land in ihr Totenreich.
Die Schleier zwischen Diesseits und Anderswelt werden durchlässig, und die Grabhügel stehen offen. Man kann jetzt die Verstorbenen im Jenseitsparadies singen, lachen und musizieren hören. Sie feiern dort ihre Feste im Reich des Überflusses.
Seelenvolle Zeit: Samhain und die Ahnen
Die Zeit um Allerheiligen ist eine seelenvolle Zeit. Samhain bedeutet übersetzt so viel wie „Vereinigung“ oder „Zusammenkunft“. Der Name deutet auf die Zusammenkunft der Lebenden und der Ahnenseelen in dieser Zeit hin. Ahninnen und Ahnen besuchen die Lebenden und bringen Weisheit und Segen. „Ihr seid, was wir waren. Wir sind, was ihr werdet.“ Dieser Satz steht treffend an zahlreichen Friedhofsportalen. Wer die Ahninnen und Ahnen ehrt, dem soll es Segen bringen und den eigenen Übertritt ins Totenreich erleichtern.
Bräuche: Allerheiligenstriezel, Kerzenlicht und gedeckte Tische
In weiten Teilen des Alpenraums schenken zu Allerheiligen die Tauf- oder Firmpaten ihren Patenkindern ein sogenanntes Allerheiligenstriezel. Es ist ein Gebildbrot, also ein frei mit der Hand geformtes (gebildetes) Gebäck. Die Formen sind selten nur Schmuckwerk. Sie werden bewusst symbolhaft gewählt und lassen eine viel tiefer liegende Bedeutung durchscheinen. Die Stränge des Zopfes symbolisieren die beiden Pole der einen, ganzen Welt: Diesseits und Jenseits, Leben und Tod, die untrennbar miteinander verflochten sind und sich gegenseitig bedingen.
Alte Mythen erzählen auch, dass die Ahnenseelen für kurze Zeit an ihre angestammten Plätze in Haus und Hof zurückkehren. In die Fenster der Höfe werden Kerzenlichter gestellt, damit die Seelen den Weg nach Hause finden. Über Nacht bleiben die Esstische für die Ahnenseelen gedeckt, und ein Teil des Abendessens wird für die Geister der Verstorbenen übriggelassen.
Auf diese vielfältige Weise ehren, bestätigen und erneuern die Menschen jedes Jahr die Verbindung zwischen den Bewohnern der diesseitigen und der jenseitigen Welt.
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